UTMB 31.08bis02.09.2018

Abenteuer Ultra Trail Mont Blanc 2018 - 171 km 10200 Hm
UTMB Start: Charmonix
UTMB Ziel: Charmonix
Zeit: 40h 43 min 56 sec
Platz Gesamt: 823 von 2561
Platz AK: 364 von 771
Strecke: 171 km
Höhenmeter: 10200 Hm

Vorgeschichte:

Damit man sich für den UTMB qualifizieren kann, sind einige Voraussetzungen nötig. Um diese zu schaffen muss ich 2 Jahre zurück gehen. Damals startete ich bei dem kleinen Bruder des UTMB, dem CCC auf der 101 km Strecke. Hier bekam ich die ersten UTMB Punkte, die 2 Jahre bestehen bleiben und dann verfallen. Der Grundstein und Idee für das Abenteuer Ultra Trail Mont Blanc war geboren. Da die Punkte nicht ausreichten, mussten weitere her. 2017 holte ich mir beim Istria 100 auf der 69 km Strecke weiter 4 Punkte. Insgesamt benötigte ich 15 Punkte in 3 Rennen innerhalb 2 Jahre. Da ich mit meinem Kumpel Flo beim Trans Alpine gemeldet war, würden bei Erfolg die restlichen 6 Points auf mein Konto wachsen. Leider trat der Veranstalter des TAR aus der International Trailrun Association aus und somit gibt es keine Punkte für das 7 Tage Rennen über die Alpen. Der TAR war trotzdem eine super Erfahrung mit sehr viel Spaß für mich, aber kurzfristig musste ein weiteres Rennen her. Hier fiel die Wahl auf den 120 km 7000 Hm Lago d Orta Ultra Race im Oktober. Eigentlich war ich durch Trans Alpine, Ironman Frankfurt, Arber Ultra, Istria 100 und vielen weiteren, kleineren Rennen ausgelaugt und bereit für eine dringend nötige Ruhepause. Die konnte ich mir aber nicht gönnen und somit holte ich mit größter Quälerei, dank eines Sturzes incl. Verletzung, die restlichen 6 Punkte beim Lago d Orta in Italien. So weit so gut, endlich Saisonpause. Die Voraussetzung für die Umrundung des Mont Blancs war mehr oder weniger geschaffen. Ich benötige noch ein ärztliches Attest, das mir die entsprechende Fitness bestätigte. Im Januar konnte ich mich dann für den UTMB, wie 7000 weitere Verrückte, bewerben. Da es nur 3000 Startplätze gibt, ist natürlich auch Losglück Voraussetzung. Anfang Februar bekam ich dann tatsächlich die Zusage für den UTMB. Oh je, da ich schon seit 3 Monaten dank einer Achillessehnenverletzung pausieren musste. Jetzt hieß es so schnell wie möglich fit zu werden. Auch Zuhause kam noch mehr Action in die Familie, als mein kleiner Sonnenschein Tim das Licht der Welt erblickte. Da mich meine Frau Brigitte und Tochter Emma tatkräftig bei meinem Vorhaben unterstützten, lagen mir keine Steine im Weg…

Anreise und Startunterlagen:

Unser kleiner Zwerg Timi durfte Urlaub bei Opa und Omi in Lintach machen und meine Mädels und ich machten uns auf den Weg nach Frankreich. Angekommen in Chamonix am Mont Blanc stand ich wie schon vor 2 Jahren sprachlos vor dem beeindruckenden Berg mit seinen Gletschern. Den sollte ich in 3 Tagen einmal umrunden? :-) Eigentlich kann man sich das nicht vorstellen am Stück 171 km bei über 10000 Höhenmetern zu laufen. Aber sag niemals nie, deshalb war ich hier um die bisher größte sportliche Herausforderung in meinem Leben zu meistern. Bei der Startnummernausgabe und Messe in Chamonix fanden sich die Besten der Besten Ultratrailläufer der Welt ein. Alle mussten sich in den verschiedensten Rennen qualifizieren um bei der inoffiziellen Trailrunweltmeisterschaft teilzunehmen. Klar nahm es der Veranstalter des UTMB sehr genau. Ich bekam eine Checkliste, wo meine Ausrüstung kontrolliert wurde. Von Regenüberziehhose, Stirnlampen, Ersatzbatterien, Handy, lange Hose, 3 Shirts, Regenjacke, Erste Hilfe, Geels und Riegel, alles musste in den Trailrunrucksack und wurde akkurat von den Verantwortlichen überprüft. Erst dann bekam ich meine Startunterlagen ausgehändigt. Jetzt gab es kein zurück mehr. Wir checkten in unserem Apartment ca. 10 km nördlich von Chamonix ein und ließen den langen Anreisetag gemütlich ausklingen. Am nächsten Tag erkundeten wir unser kleines Bergsteigerdörfchen Argentiere, was schon komplett im UTMB Fieber war. Insgesamt gab es 5 verschiedene Strecken mit je ca. 3000 Startern und der OCC (120 km) führte auch durch unser Dörfchen. Ich legte noch eine kleine Traillaufeinheit ein. Später wanderten wir bis zu einem Abenteuerspielplatz den Emma mit Genuss erkunden durfte.

Raceday:

Langsam stieg die Nervosität an. Ich lag den ganzen Tag im Bett herum und irgendwie kam ich mit vor wie als Kind an Weihnachten, als ich aufs Christkind wartete. Am Nachmittag kam dann auch noch die Aktivierung des Schlechtwetterkits vom Veranstalter, da es in höheren Lagen bis minus 10 Grad bekommen sollte. Das freute mich immens, da ich keine Protectivbrille hatte. Also musste ich kurz vor dem Rennen so ein Teil besorgen. Im nächsten Sportgeschäft bekam ich dann für 100 Euro solch eine Laufbrille, die sich automatisch der Helligkeit anpasste. Jetzt war ich endgültig ausgerüstet. Meine Mädels fuhren mich bei strömenden Regen zum Start nach Chamonix und warfen mich aus dem Auto, da die Parkplätze ziemlich begrenzt waren. Ich gab meinen Läufersack mit Wechselwäsche und optionalen Schuhen, für Courmayeur auf der anderen Seite des Mont Blancs, ab. Ich marschierte dann zum Place du Triangle de I`Amitie, wo um 18 Uhr der Startschuss zum Abenteuer Umrundung des Mont Blancs fallen wird. So viele Ultraläufer und Ultraläuferinnen aus allen Herrenländern machten sich bereit. Ein Moderator heizte den Startern und den zig Tausenden Zuschauern ein und schnell war der Regen vergessen. Ich war natürlich extrem motiviert, freute mich sehr das mich meine Mädels hier in Frankreich unterstützten, auch mein Coach Preißl Ralf hatte mich schon Tage zuvor perfekt auf das Rennen eingestellt und auch viele Freunde, Arbeitskollegen und natürlich meine Eltern drückten von Zuhause aus die Daumen. Was soll da schon schief gehen :-) Und los ging es durch die Gassen von Chamonix zum Abenteuer Mont Blanc Ultra, 3 Länder, 171 km und 10200 Hm mit 46,5 Stunden Zeitlimit. Links und rechts Menschenmengen, die frenetischen Beifall klatschten. Gänsehautfeeling pur. Da die ersten 8 km fast ohne Höhenmeter waren, kam ich bis auf die Startstockungen dank der 2561 Startern ziemlich schnell voran. Ich musste mich etwas bremsen um nicht zu überpacen, da ich ja doch 171 km vor mir hatte :-) Bei Kilometer 8 in Les Houches standen auch schon meine Mädels. Ich hielt kurz an, wollte aber gleich weiter, da Singletrails anstanden und bei den Läufermengen sicherlich Verstopfungen vorprogrammiert waren. Nun ging es die ersten 800 Höhenmeter nach oben. Ich fühlte mich so lala. Irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen die Strecke zu schaffen. Ich gab mir nur eine 50 % Erfolgsquote. Mal schauen. Es regnete noch immer und die ersten 21 Kilometer zogen sich. Bergab waren die Trails rutschig und schwer zu laufen. Langsam wurde es dunkel und ich aktivierte meine Stirnlampe. Bei Kilometer 21 erreichte ich Saint Gervais, wo Brigitte und meine tapfere Emma im strömenden Regen auf mich warteten. Ihr beide seid einfach der Wahnsinn :-) Ich aß etwas in der Verpflegungsstation und lief dann in die Nacht hinein weiter. Auf den nächsten knapp 30 Kilometern musste ich 1500 Höhenmeter meistern. Ich kämpfte mich Meter für Meter voran. Ich war pitsch nass, es war Nacht, es war kalt, aber ich kämpfte. Die Stimmung war auf einem Tiefpunkt. Ich fragte mich mal wieder warum ich mir das ganze antue und fand auch keine Antwort. Es ging rauf und runter, kein Ende war abzusehen. Ich lief und lief, teilweise in Trance. Ich war müde und wollte eigentlich nur noch schlafen. Vieles ging mir durch den Kopf, teilweise war da auch nur Leere. Ich war an einem Tiefpunkt angekommen und ich hatte noch so viele Kilometer vor mir. Endlich ging langsam die Sonne auf und dies war atemberaubend. Blauer Himmel und das gigantische Mont Blanc Massiv vor mir. Meine Motivation war zurück, neues Leben in mir und ich ballerte die nächsten 1000 Höhenmeter nach oben. Ich bekam von meinen Freunden, Familie und Arbeitskollegen immer wieder Motivationsnachrichten, die mich extrem beflügelten. Meine Whatsapp Traillaufgruppe überschlug sich nur so mit Motivationen in Form von Videos, Bilder und Nachrichten. Einfach nur der Hammer :-) Nach 80 Kilometern erreichte ich endlich Courmayeur in Italien, wo ich meinen Läufersack bekam. Viele schliefen in der Verpflegungsstation, aber ich hatte das nicht vor. Ich zog mich um und war ein neuer Mensch. Noch 90 Kilometer hatte ich vor mir. Körperlich ging es mir gut. Meine Füße fühlten sich noch fit an und ich war bereit für neue Heldentaten. Ich telefonierte noch mit meinen Mäusen, die bei Kilometer 110 auf mich warten werden. Ich aß noch etwas an der bestens bestückten Verpflegungsstelle. Man bekam alles, von Nudeln, Käse, Wurst, Schokolade, Obst und Getränke. Ich trank eigentlich nur Cola und füllte meine Getränkeflaschen auf.

Weiter lief ich nun auf der Strecke, die ich schon von vor 2 Jahren her kannte. Wieder ging es 1000 Höhenmeter nach oben. Kämpfen war angesagt. Leider machte mein Darm Probleme, wahrscheinlich dank dem vielen Cola und der Anstrengung. Immer wieder musste ich in die Büsche, oder wenn keine da waren, dann hatte ich Zuschauer :-) Es ging teilweise nur schleppend vorwärts. Immer wieder musste ich gehen, da laufen nur bedingt möglich war. Die Zeit lief so dahin, die Kilometer eher nicht und die Höhenmeter erst recht nicht :-) Nach ewig langen 109 Kilometern erreichte ich endlich La Fouly in der Schweiz, wo mir Emma entgegenlief. Ich war überglücklich meine zwei Mädels in den Arm nehmen zu können. In der Verpflegungsstation holte ich mir neue Energie in Form von Salami und Käse Semmeln :-) Meine Mäuse begleiteten mich noch ein paar Meter, bevor sie sich zur nächsten Verpflegungsstation aufmachten. Ich hatte 10 km und 600 Hm vor mir bis nach Champex Lac. Mittlerweile hatte ich einen Vorsprung von über 4 Stunden zur Cut Off Time. Ich lief einen Forstweg nach unten und fühlte mich ganz gut. Leider fing dann mein linkes Schienbein zu schmerzen an. Es wurde immer schlimmer. Komisch war, dass es beim Laufen nicht schmerzte, aber extrem beim Gehen. Ein doofer Kreislauf, da ich rein körperlich fast nicht mehr fähig war zu laufen. Ich kämpfte mich nach oben. Die Schmerzen wurden so stark, dass ich beschloss an der nächsten Verpflegungsstation auszusteigen. Es ging nicht mehr. Meine Gedanken kreisten. DNF, kann das sein. Soll ich es im nächsten Jahr nochmals anpacken. Aber hilft nicht, wenn der Körper sagt nein, dann ist es leider so. An der Verpflegungsstelle angekommen, wollte ich zur Rennleitung und aussteigen. Aber wenn der Körper sagt nein, dann heißt es doch noch lange nicht, dass mein Kopf nein sagt. Ok ab zu den Ärzten. Die meinten da könne vielleicht ein Physio helfen. Gesagt getan, rein ins überfüllte Physiozelt. Ein nettes Mädel, die ausnahmsweise deutsch sprach, tapte meinen Fuß und meinte das die Schmerzen schlimmer werden würden, aber ich nichts kaputt machen könnte. Da ich alleine nicht mehr in den Laufsocken kam, half mir dann Brigitte in die stinkigen Socken. Wieder stärkte ich mich in der Verpflegungsstation von Champex Lac und meine Mäuse gaben mir noch dicke Motivationsbussis. Humpelnd stiefelte ich weiter. Ich hatte ja nur noch läppische 60 Kilometer :-) Die zweite Nacht war angebrochen. 3 Mal musste ich noch 1000 Höhenmeter nach oben. Kann ich das schaffen? Nach unendlichen 17 Kilometern erreichte ich Trient. Ich war fertig, das Schienbein war geschwollen und schmerzte extrem. Nur mit Ibuprofene im Stundentakt hielt ich die Schmerzen aus. Wieder aß ich etwas und füllte meine Flaschen auf. Und los ging es in die Nacht hinein. Teilweise schlief ich während dem Laufen ein und konnte mich nur mit Ach und Krach auf den Beinen halten, wenn ich stolperte. Es wurde wieder morgen und ich lief in die Verpflegungsstation von Vallorcine ein. Ich war überglücklich als mich ganz unerwartet meine Mäuse hier empfingen, da es doch erst 6 Uhr in der Früh war. Tapfere Emma :-) Laut Veranstalter waren es noch 19 Kilometer, aber in Wirklichkeit kamen noch 23 zusammen :-( Ich verabschiedete mich von meinen Mädels und lief hochmotiviert weiter. Es roch nach Finish. Die Sonne schien traumhaft und die zweite Nacht war zu Ende. Seit ich verletzt war, konnte ich einen Platz nach dem Anderen gut machen und ich schob mich in der Platzierung nach vorne :-) Das kann nur ein Winkl :-) Ich war topfit, außer das Schienbein und ich ballerte zur Bergstation La Flegere hoch. Hier überholte ich fast 50 Läufer. Ich fühlte mich, also ob ich bisher noch nichts in den Haxn hätte. Ich trank noch ein Cola und ab ging es einen anspruchsvollen 8 km Trail nach unten. Man glaubte es kaum, aber auch hier überholte ich im Minutentakt. Der letzte Kilometer ging durch Chamonix, wo tausende Zuschauer auf ihre Helden warteten und Beifall klatschten. Wahnsinn ich hatte das größte Abenteuer meines Lebens geschafft. Zeitweise sah es ja nicht so aus. Ich lief durch die Menschenmenge und endlich sah ich meine Mädels. Das schönste Erlebnis war für mich natürlich, als Emma mit mir zusammen die letzten 200 Meter ins Ziel einlief. Ich hatte Pippi in den Augen und war überglücklich als ich über die Ziellinie bei Sonne und blauem Himmel lief, Hand in Hand mit meiner kleinen Emma. Ich umarmte meine Frau Brigitte. Die beiden Mädels mussten was aushalten, da ich nach 2 Tagen stank wie ein ausgewachsener Kuhstall. Die Kulisse mit dem Mont Blanc im Hintergrund war atemberaubend. Als erstes genehmigte ich mir ein Siegerbier das ich in der Sonne genoss. Ein Abenteuer war zu Ende, das ich nur mit Hilfe meiner zwei Mädels durchstehen konnte. Ich wurde 823. von 2561 Startern in einer Zeit von 40 Stunden 43 Minuten und 56 Sekunden. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen :-) 782 Starter mussten das Rennen abbrechen. Das ist schon eine beeindruckende Negativquote. Nach dem Rennen bekam ich viele, viele Glückwunschnachrichten, was mich extrem freute, da viele mit mir mitgefiebert hatten. O-Ton von meinem Coach Ralf: Der Ritterschlag der Ultraläufer. Sir Markus Winklmeier :-) und viele andere liebe, lustige und nette Sprüche: „Der Wahnsinn hat einen Namen“, „Unglaublich“, „Wann ist Autogrammstunde“, „Oberhammer“, „Anything is possible“, „Wuid, wuider winklworld“, „Wenns an Laufgott gibt, dann heiß er definitiv Winkl“, „Ich ziehe alle Hüte“…

Nur mit Zähne zusammenbeißen kämpfte ich mich zum Auto. Das waren die schwersten und härtesten 500 m des Rennens :-) In der Unterkunft war eine Dusche dringend nötig, bevor ich in den Schlaf der Gerechten fiel. Klar träumte ich von neuen Herausforderungen und weiteren Abenteuern…

Am Abend gingen wir zum Pizzaessen und danach gingen wir noch in ein gemütliches Pub. Die Nacht war ziemlich schmerzhaft und die Heimreise am nächsten Tag ebenfalls, dank meines extrem geschwollenen Schienbeins. Aber das war es natürlich wert :-)

Fazit:

Abenteuer Ultra Trail Mont Blanc nach 40 h 43 min 56 sec als 823 von 2561 Startern ins Ziel geballert. 171 km 10200 Höhenmeter, kurz vor dem DNF dank einer sehr schmerzhaften Schienbeinmuskelentzündung schon bei km 115, Regen, Sonne, Minustemperaturen, Höhen und ganz viele Tiefen, insgessmt 53 h Schlafentzug und mit dabei natürlich die besten Supporter der Welt, Brigitte und Emma und alle die mich von Zuhause aus tatkräftig mit Aufmunterungsnachrichten unterstützt haben. Ein Hammer Event bei Traumkulisse. Ja leck ich bin einmal um den Mont Blanc Nonstop gelaufen. Ich kann es noch immer nicht richtig glauben was der menschliche Körper fähig ist auszuhalten, mit extremen Willen geht alles - Lebe deine Träume oder auf dem Highway to Hell... Euer Winkl :-)

Statistik:

Höhenprofil:

Strecke: