Lago d Orta Ultra 20-22.10.2017

Ultratrail Lago d`Orta 120 km 7300 Hm
in 26h 56 min 06 sec
Streckenlänge: 120 km
Höhenmeter: 7300 Hm
Platz 108 von 209 Teilnehmern

Vorbericht:

Ich liebe Herausforderungen und ich liebe es an Grenzen zu gehen. Mir war klar als ich mich für den Lago d`Orta Ultra anmeldete, das ich eher Grenzen überschreiten müsste um dieses weitere Abenteuer bestehen zu können. Ihr werdet lachen, ich mache dies um ein noch viel größeres Abenteuer im nächsten Jahr bestehen und meine Grenzen noch mehr überschreiten zu können :-) Aber eines nach dem anderen. Wenn ich den Lago d`Orta Ultra mit 120 km und 7300 Hm ins Ziel bringe, dann habe ich genügend Punkte bei der International Trailrunning Association um mich für den ultimativsten Traillauf der Welt zu bewerben. Die Umrundung des Mont Blanc mit 170 km und 10000 Höhenmetern. Der spinnt doch, werden sich viele denken und ihr habt recht :-) Aber genau diesere Spinnerei ist mein Leben und es ist genau das was mir Spaß macht... So nun zum Lago d`Orta Ultratrail. Am Nachmittag holten wir die Startunterlagen in Omegna am Nordende des Sees. Wie immer liefen natürlich schon mehr "Verrückte" durch das Expo Gelände :-) Später versuchte ich noch eine Stunde zu schlafen, da ja in der Nacht nicht viel mit Schlaf drin war.


Route:

Start in Omegna Freitag um 23 Uhr:

Bild

Da muss ich laufen :-)

 

Um 20 Uhr lieferten mich dann meine Mädels beim Start ab. Ich kaufte mir noch etwas zu trinken und las ein Buch um mir die Zeit bis zum Start todzuschlagen. Endlich war es so weit. 300 Ultraläufer der 120 km Strecke warteten auf den Startschuß, wo nur 209 im Ziel ankommen werden. Startschuß und wie immer wird rausgeballert. Ich natürlich an vorderster Front. Es ging durch die Gassen von Omegna und relativ schnell einen Singletrail 1200 Höhenmeter innerhalb 6 km nach oben bis Mottarone. Die Stirnlampen schlängelten sich durch die Nacht. Mir ging es super und als 50. von 300 erreichte ich den höchsten Punkt. Klar konnte ich nicht mit den jungen Wilden und Bergspezialisten mithalten, aber Ziel war ein Platz im ersten Drittel. Schnell ging es auch wieder nach unten. Hauptsächlich auf Forstwegen, die mit großen Steinen gespickt waren. Nicht einfach zu laufen, aber trotzdem versuchte ich an einem Bergabspezialisten dran zu bleiben. Wir schossen mit einem 4 er Schnitt nach unten und auf einmal machte es Päng. Ich stolperte warum auch immer. Es ging so schnell. Ich flog nach vorne, versuchte abzurollen und fiel mit Knie, Hüfte und Ellbogen auf die Steine. Ich rappelte mich auf und suchte meine Stöcke, die in den Büschen lagen. Nun hieß es Bestandsaufnahme. Meine Hüfte schmerzte, das Knie blutete an mehreren Stellen und schwoll dick an. Der blutende Ellbogen war vernachlässigbar. Ich versuchte zu laufen, bzw. humpelte, was nur unter starken Schmerzen möglich war und dies würde ab diesem 13 Kilometer bis zum Ziel so bleiben. Scheiße, scheiße und nochmals Scheiße. Muss ich jetzt schon aussteigen. Aus der Traum vom Mont Blanc Ultra? Ich humpelte weiter. Es wurde nicht besser, auch wenn ich mich noch so bemühte. Was tun? Ich quälte mich zur nächsten Verpflegungsstelle. Die Trails waren anspruchsvoll. Bergauf sehr steil und extrem steinig und bergab noch steiler und noch steiniger. Alles schwer zu laufen und mit Verletzung noch schwieriger. Nach 31 Kilometern erreichte ich wieder den Ausgangspunkt, von wo wir nach Westen geleitet wurden. Wieder 1000 Höhenmeter im Anstieg. Langsam wurde es hell und ich konnte die "Hirnbirn" ausschalten. Bei Kilometer 49 zeigte meine Uhr 7 Stunden 49 Minuten. Krass war ich langsam. Die Schmerzen im Knie, vor allem bergab, wurden immer schlimmer. Ich kämpfte und wie ich kämpfte. Ich dachte immer öfter ans Austeigen. Mein Ziel war bis zu Kilometer 74,5 zu kommen, da dort zum ersten Mal meine Mädels warten würden und dort würde ich dann das Rennen beenden. Aber die Kilometer zogen sich ins unendliche. Teilweise benötigte ich bergauf unfassbar langsame 30 Minuten für einen Kilometer. Das war zermürbend und deprimierend.


Bei meinen Mädels nach 74 Kilometern:

Nach 74,3 km, knapp über 5000 Höhenmetern und 16 ewig langen Stunden erreichte ich endlich Arola und somit auch meine Mädels. Ich war physisch, wie auch psychisch an Grenzen angelangt, wie ich sie bisher noch nicht kannte. Als mir Emma entgegen lief kamen mir die Tränen. Ja war ich kaputt und ich wollte nur noch aussteigen und mit meinen Mädels nach Hause fahren. Brigitte meinte ich solle zuerst mal etwas an der Verpflegungsstelle essen und Emma meinte ihr Papa wäre Superman. Meine Gedanken kreisten. Sollte ich aufgeben oder weitere 46 Kilometer quälen? Es gibt Tage an denen die Vernunft siegt und man aussteigen sollte. Aber heute war kein Tag der Vernunft. Ich fasste mich wieder und entschloss diesen Scheiß zu Ende zu bringen. Aber den Mont Blanc werde ich sicher nicht machen, selbst wenn ich hier ins Ziel komme und meine Punkte habe... Nach einem Küsschen begab ich mich wieder auf die Strecke. Der Anlaufschmerz war der Schlimmste. Weiß gar nicht so genau was mehr schmerzte, das Knie, die Achillessehne in beiden Füßen, die sich ebenfalls bemerkbar machte, die Hüfte oder auch der Ellbogen :-) Ich lief, Betonung liegt auf lief, einen Bach ziemlich eben entlang, als mich ein Ultraläufer von der 58 km Strecke überholte. Es waren ja 5 verschiedene Strecken möglich, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten starteten. Auf jeden Fall stieg mir Zigarettenrauch ins Gesicht. Der 58 km Läufer, der in der Platzierung aktuell richtig weit vorne lag, hatte eine Kippe im Mund und überholte mich. Ich lief mit einer 4:30 Pace... Er hielt dann kurz an um die Zigarette am Boden auszumachen. Er meinte in gebrochenem Englisch, das Zigaretten gut für die Kondition wären und dann gab er Gas und ich blickte hinterher, wie er in der nächsten Kurve verschwand. Mache ich was falsch? :-) Auf jeden Fall kämpfte ich mich mutterseelenalleine die nächste Steigung nach oben.


Endlich im Ziel nach 120 km 7300 Hm 16 h 56 min:

Wieder zu steil zu laufen, genau richtig um meine Füße und auch den Rest von mir weiter zu vernichten. Die Mädels wollten mich bei Kilometer 94 wieder abfangen. Ich brauchte für die knapp 20 Kilometer 3 1/2 Stunden. Ich war nur am Kämpfen und hadern. Aber nun war es zu spät zum Aufgeben. Ich litt schon zu lange um auszusteigen. Kurz vor Grassona traf ich wieder auf Emma und Brigitte. Irgendwie hatte ich mein psychisches Tief überwunden. Physisch konnte ich nichts mehr überwinden. Es tat einfach alles weh, vor allem immer mehr mein stark geschwollenes Knie. Meine beiden Mädels gaben mir nochmals Auftrieb und ich lief weiter in die einsetzende Dunkelheit. Fighten war angesagt. Immer wieder unterhielt ich mich mit Leidensgenossen. Die Kilometer fielen, aber extrem langsam. Endlich, der letzte Uphill. 500 Höhenmeter. Zuerst eine steile Straße, dann ein Singletrail. immer wieder musste ich stehen bleiben. Ich kam mir vor wie ein Bergsteiger in der Todeszone am Mont Everest. Vom Gefühl her, war ich in der Todeszone :-) Für die letzten 14 Kilometer benötigte ich fast 4 Stunden. Endlich ging es bergab, aber auch das zog sich. Laufen war ja dank den schwierigen Trails und dem lädiertem Knie so gut wie gar nicht möglich. Endlich spuckten mich die Trails in Omegna aus. Zefix noch 4 Kilometer Straße. Ich versuchte zu laufen, was auch gelang, wenn es auch nur ein 7 er Schnitt war. Besser als nix. Man glaubte es kaum, aber ich konnte sogar noch 2 Ultraläufer überholen. Das Ziel war nah und um 1 Uhr 56 und 6 Sekunden lief ich über die lange ersehnte Ziellinie als 108 von 209 Finishern. Ich war insgesamt 26 Stunden 56 Minuten und 6 Sekunden unterwegs und hatte seit 45 Stunden nicht mehr geschlafen, dafür war ich Stolz wie Oskar diesen Lauf durchgezogen zu haben. Alle die Strapazen waren vergessen, na gut vergessen konnte ich nicht, weil mir alles weh tat :-) Mit meiner Siegermedallie bewaffnet ging ich zum Duschen. Die heiße Dusche war Gold wert. Da ich kein Taxi bekam, musste ich Brigitte anrufen, die mich um halb 4 Uhr morgens mit Emma abholen kam. Danke Mädels. Ihr seid einfach die Besten :-)


Zielfoto und lädiertes Knie:

Fazit:

Wieder konnte ich eine Herausforderung meistern. Diese aber nur durch extremen Kampf und Willensstärke. Die Veranstaltung war super organisiert, aber trotzdem werde ich hier nicht mehr antreten. Liegt ganz klar daran, das die Trails keinen Spaß machten. Zu steil nach oben, zu steil nach unten und viel zu steinig. Das war ganz und gar nicht mein Terrain. Landschaftlich aber ist die Orta Gegend ein Traum... Könnt ihr euch noch an einen Satz weiter oben erinnern, wo ich erwähnte nicht beim Mont Blanc zu starten? Vergesst diesen Satz, jetzt bin ich ja im Ziel trotz aller Strapazen. Ganz klar ich werde mich für den UTMB 2018 auf der 170 Kilometer 10000 Höhenmeter Strecke bewerben :-)


Ergebnis Gesamt:

Ergebnis Markus: